Das Berghain:
Von Fetisch-Parties zum gemischten Club
Quelle: SZ, 24.April 2009
“Genau das aber wird durch die reißende Kulturalisierung dieser Spielart des Nachtlebens in Frage gestellt. Wenn Presse und Suhrkamp-Kultur nach dem “Berghain” greifen, wenn vermutlich selbst Isa Gräfin Hardenberg längst ahnt, was hier vorgeht, wenn Schriftsteller schreiben und Fotos die Sache Turner-Preis-verdächtig machen, wenn, wie nun angekündigt, selbst das “Deutsche Theater” im Heizkraftwerk an der Wriezener Straße spielen will, also irgendein bürgerliches Premierenpublikum über die Stahltreppe in der Kathedrale des Rausches schreiten wird – was soll dann noch übrig sein von anderer Welt, Entgrenzung und Lust?
Ist dann das “Berghain” nicht längst von einem Ort der Bedürfnisbefriedigung in eine Stätte der Kultur mutiert, unter massiver Beihilfe jener Intellektuellen, die den egalitären, anti-hippen, berlinisch-gemischten, unintellektuellen, leiblichen Charakter der ganzen Veranstaltung nicht genug rühmen können?
So ist es, und das ist auch schade. Kurz streifen Rapp und Waltz die unmittelbare, leider nicht die langfristige Vorgeschichte des “Berghain”, das sich aus schwulen Fetisch-Partys (dem “Snax”) mit wechselnden Orten, zu einem stationären, zunehmend gemischten Club entwickelte (dem “Ostgut”), in dem auch Nicht-Schwule etwas lernten von der klassenungebundenen, verschworenen und zugleich offenen Art der Schwulen Sex zu machen und wo sie sich zugleich über ein erstaunliches Niveau des Musikmachens freuen konnten.
Die Legende entstand nach dem Mauerfall in Hinterhöfen von Mitte und Prenzlauer Berg, zuletzt dem “Milchhof” in der Anklamer Straße, wanderte in ein inzwischen abgerissenes Reichsbahndepot in der Nähe des Ostbahnhofes in Friedrichshain, um dann am Wriezener Bahnhof seine auch architektonische Adelung als totalitär gestylte Kathedrale zu erfahren.
Zwar wanderte der Zerberus an der Tür, der über und über tätowierte, mit seiner Maske von Piercings ins Düster-Starrende verwandelte Sven, immer mit, um Furcht, Erwartung und Zuwendung – “Du darfst rein” – zu verbreiten; aber parallel zu dieser Konstante machtvoller Wildheit nahm auch der Kunstcharakter des Ganzen zu.
Den Dornröschen-Kuss dürfte das Snax-Club-Foto von Tillmans bedeutet haben, das bald im SZ-Magazin einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde. Mancher mag es als Todeskuss für den alten “Snax”, als Ende jener Sphäre von Gleichheit und Geheimnis, von Mundpropaganda und Offenheit empfunden haben, die die Anfänge des Clubs so erregend und verlockend machte.
Denn längst gehen die Leute natürlich auch ins “Berghain”, um am nächsten Tag in ihrer Agentur drüber zu quatschen oder um den Kollegen in E-Mails mitzuteilen, sie seien “beeindruckt”. Das Netz zwitschert sowieso weltweit darüber, und kein Berlin-Artikel kommt ohne das “Berghain” aus. Es nähert sich damit dem tristen Status, den das “Moulin Rouge” einst für Paris innehatte, zur Lust aller Spießer dieser Welt.
Die viel beschworenen “Unisex-Clos” und Darkrooms im “Berghain” können nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst die kulturelle Funktion im Vormarsch ist, während die dreckige, lustvolle Bedürfnisbefriedigung in separate Zielgruppenpartys ausgelagert wurde; die große Öffnung wird also schon wieder zurückgenommen.
Es ist eine Art umgekehrter Tod in Venedig, den das “Berghain” stirbt: Wo Rausch war, wird Kunst. Längst hängt Tillmans im Inneren des Clubs, mit einer faden, geschmackvollen Arbeit, die jedes Charlottenburger Loft zieren könnte. Als das alte “Ostgut” zumachte, gründeten sich im Netz die Nostalgie-Gemeinschaften unter dem Motto “Schön war’s”. “Lost and Sound” von Tobias Rapp könnte man an der Kasse des “Berghain” verkaufen. Dann würde jedem klar, dass er den Erlebnispark einer Vergangenheit besucht.
Der Todeskeim der Kunst war allerdings insgeheim schon lange vor dem Beginn des Berliner Techno in diese spezielle Form des Nachtlebens gelegt worden: Es hatte, in den Urzeiten der Gegenwart um 1980, in den künstlerischen Berliner Kleinwelten begonnen. Jetzt hat der Weltmarkt danach gegriffen, und der “beste Club der Welt” beweist auch, dass die Globalisierung vor gar nichts haltmacht; und dass ihr nichts so wirksam vorarbeitet wie das kritische kulturelle Gespräch.”
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