Diederichsen über Pop-Musik:

Pop-Musik kommt immer in zwei Formen vor, das gilt bis heute: als Vertretung und als Versprechen. Entweder ermöglicht sie mir den Eintritt in die Welt oder sie „verspricht“ mir eine andere Welt. Entweder zeigt sie ein Bild von Leuten, zu denen ich mich stellen könnte, auf dem solche wie ich schon da sind, oder sie entwirft ein Bild einer leeren und neuen Welt, zu der sie zwar keinen Zugang weiß, außer diesen imaginären, die sie mir aber als Hoffnung anbietet. Sie macht im ersten Falle individuelle und kollektive Modelle sichtbar, präsentiert sie den anderen, führt sie fast aggressiv gegen diejenigen vor, die sie nicht kennen oder schätzen wollen. Verführt zu spontanen Flirts, Spontankäufen. Zum anderen bietet sie diese aggresiv vorgeführten Modelle zur Identifikation, vor allem aber die imaginären Perspektiven des zweiten Modells zum dauerhaften Ankauf für die individuelle Innenausstattung an. Das Material der Pop-Musik erscheint also immer entweder als soziales Material für gesellschaftliche Projektionen und für sympathisierende Politik, neben die man sich virtuell stellen möchte, oder wendet sich an die Innenperspektive: als Material für Träume und Perspektiven, bei denen mein Aussehen, mein eigener Körper ausgespart bleiben, wo die subjektive Kamera eingenommen wird, die mich selbst nicht im Blickwinkel hat. Was in der britischen Pop-Musik der frühen 80er vor allem angeboten wurde, war soziales Material: Mein imaginierendes, projizierendes, identifizierendes Ich war immer mit im Bild, mein Begehren war immer mit objektiviert und das fand ich gut. Es war im selben Bild wie das Begehrte. Stand daneben und blieb so bei aller guerilla-semiotischer Solidarität auch für sich.

aus: dem Vorwort von Sexbeat, Diedrich Diederichsen

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