Spex zum Berghain:

Schöpfungsmythos aus dem Darkroom

Quelle: Spex #325, März/April 2010 Autorin: Bettina Gärtner

[…] Denn das Berghain, ob die Macher es wollen oder nicht, ist längst mehr als nur ein Club. Es ist ein Symbol für die neue Berliner Hippness geworden, und als solches wird es behandelt. Jeder kann Ansprüche auf ein Symbol geltend machen, auch wenn er oder sie mit dem realen Ort gar nichts zu tun hat. Dafür sind Symbole da: Sie dienen der Selbstverständigung. […] Das Berghain bekam vor einigen Monaten 1,2 Millionen Euro für den Ausbau des zweiten Saals,[…]. Kultursekretär André Schmitz sagte dazu, Berlin brauche „innovative Orte“.

So ist die Lage. Endet, was als radikaler, eigener Club mit eigener Moral begann, als Standortfaktor im internationalen Wettbewerb der Kreativmetropolen? Das Unbehagen, was sich in den Lästereien über das Berghain und seinen angeblichen „Ausverkauf“ artikuliert, handelt nämlich vor allem von etwas ganz anderem als dem Club selbst: davon, dass die Subkultur und das Nachtleben eine der wenigen Berliner Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre sind, wenn nicht sogar die einzige. Und dass es für alle Beteiligten schwierig ist, sich dazu zu positionieren. Wenn Menschen aus Kanada, Spanien und Norwegen anreisen, um sich vor dem Berghain stundenlang in die Schlange zu stellen, ist ein Prozess in Gang gekommen, den man nicht einfach wegstreichen kann. Was macht man, wenn eine Stadt, in die man einmal gekommen ist, weil sie Sehnsuchtsort für ein „anderes Leben“ war, nun für so viele Menschen das Gleiche symbolisiert, dass es schwerfällt, darin noch das „andere“ zu sehen, das einen selbst einmal gelockt hat?

„Die Kunst und die Globalisierung geben dem Berliner Nachtleben den Todeskuss“, schrieb Gustav Seibt vor gut einem Jahr in der Süddeutschen Zeitung und schilderte das Berghain durchaus schlüssig als Endpunkt von guter drei Jahrzehnten schwuler Berliner Geschichte. Die Schönheit all der Nischenexistenzen, all der radikal-minoritären Lebensentwürfe der Siebziger- Achtziger, und Neunziger habe auch in ihrer Unsichtbarkeit gelegen, in ihrem Parallelgesellschaftscharakter, so Seibt. Das sei nun vorbei. Denn der weltweite Ruhm des Berghains, so argumentierte er, sei zwar nicht denkbar ohne all diese kleinen Lebensgeschichten, die hier ihre große Erzählung gefunden hätten. Er ziehe sie aber gleichzeitig in die Sichtbarkeit. Das war elegant argumentiert und nicht falsch. Auch weil es den Club in die lange schwule Geschichte Berlins einsortierte. Das Ostgut, jener Laden, der dem Berghain vorausging, war ja ohne die Berliner Hipster gegründet worden und kam die längste Zeit auch gut ohne sie aus. Das Ostgut war eine Halle mit einer Anlage drin, einem Darkroom und einer Bar, fertig. Später kam die Panorama Bar dazu. Aber genau wie die Hipster, die jetzt in die Wilde Renate, ein Abrisshaus nicht unweit des Berghains, gehen, weil sie glauben, dass im Berghain zu viele Touristen sind, ging auch Seibt von der Prämisse aus, dass nur man selbst das Geheimnis aussprechen dürfe. Jeder andere kommt zu spät, der Zauber ist bereits zerstört.

Diese Denkfigur ist zwar tief in die Geschichte der Subkulturen eingeschrieben: Immer geht es darum, wer zuerst da war. Aber stimmt sie überhaupt noch? Wer braucht die Subkultur-Helden eigentlich noch, wo es längst zum Allgemeinwissen gehört, dass sie am Ende eben doch nur die Vorhut der ihnen auf den Fersen folgenden Immobilienentwickler sind? Sollte man sich von der Logik der Avantgarde, die sich die Subkultur wie so vieles vom Militär und der Kriegsführung abgeschaut hat, nicht allmählich verabschieden? Es gibt mit ihr nichts mehr zu gewinnen, nicht einmal Erkenntnis.

Das Erstaunliche an Berghain und Panorama Bar ist doch, wie mühelos es ihnen und allen, die mit ihnen zu tun haben, gelingt, gleichzeitig Mainstream oder Underground zu sein, große Erzählung und kleine Anekdote. Das ist nicht das Problem des Ladens, das ist sogar eines seiner Qualitäten. Abgesehen, dass man dort immer noch feiern kann wie nirgendwo sonst. Nicht wer zuerst da war, ist die entscheidende Frage, sondern wer zuletzt geht.[…]

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Eine Antwort zu “Spex zum Berghain:

  1. Pingback: Stippvisite – 09/03/10 | Lie In The Sound

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